Seit 1950
Kunstpavillon
Der Artist-run space im Herzen Münchens
Der Platz für zeitgenössische Kunst und ihr aktuelles Schaffen ist hart umkämpft und oft nur vorübergehend gesichert. Umso schöner ist es, dass der Kunstpavillon im Herzen der bayerischen Landeshauptstadt München, in einer der urbansten Grünanlagen der Stadt, Künstlerinnen und Künstlern einen Raum bietet, sich den Herausforderungen der Zukunft zu widmen.
Es war künstlerische Eigeninitiative, die 1950 aus der Kriegsruine einen Ausstellungsraum für den demokratischen Aufbruch in Bayern erschuf. Heute versteht sich der Kunstpavillon als „artist-run space“, der künstlerische Debatten anstößt und neue Erkenntnisse oder ästhetische Verfahren der Bildenden Kunst einem breiten Publikum nahebringt – auch mit Blick auf einen globalen wie intersektionalen Diskurs, aber unabhängig von fortbestehenden Klischees über die Hoch- und die Subkultur. In den Ausstellungen des Kunstpavillons überzeugt das Sinnliche der Kunst.
Im Alten Botanischen Garten am Münchner Stachus ist der Kunstpavillon eine beliebte kulturelle Quelle, ein Ort der Besinnung und der Reflexion. Für viele ist er das südliche Entrée ins Münchner Kunstareal mit seinen Museen, Galerien und Projekträumen.
Geschichte des Kunstpavillons
Vorkriegszeit: Der Glaspalast und das Haus der Deutschen Kunst (heute Haus der Kunst)
Der Münchner Glaspalast im Alten Botanischen Garten am Stachus beherbergte seit seiner
Errichtung 1854 bedeutende internationale Industrie- und Kunstausstellungen. Letztere
begründeten den Ruf Münchens als Stadt der Kunst und Kultur mit. An die herausragenden
Industrieausstellungen erinnert zum Beispiel auf der Westseite des Kunstpavillons der
Gedenkstein an die erste Gleichstromfernübertragung durch Oskar von Miller und Marcel
Depréz. 1931 brannte der Glaspalast vollständig aus, dabei wurden zahlreiche Kunstwerke der
laufenden Ausstellung zerstört. Bereits ein Jahr später lobte das bayerische Kultusministerium
einen Architekturwettbewerb für den Neubau eines geeigneten Ausstellungsgebäudes
ähnlicher Größe aus. Mit der Ernennung des Nationalsozialisten Adolf Hitler zum Reichskanzler
durch Reichspräsident Paul von Hindenburg 1933 wurden die Pläne jedoch zu Gunsten einer
faschistischen Kunstpolitik aufgegeben. Der Architekt Paul Ludwig Troost erhielt den Auftrag,
unter dem Arbeitstitel „Neuer Glaspalast“, das „Haus der Deutschen Kunst“ an dem vom Führer
favorisierten Standort am Südrand des Englischen Gartens zu planen (eingeweiht 1937).
Im Alten Botanischen Gartens entstand in seiner östlichen Hälfte 1936 als Ersatz des
Glaspalastes eine Achse aus einem viertürigen „kleinen Ausstellungsgebäude“ zur Präsentation
nationalsozialistischer Architekturmodelle und dem sogenannten Neptunbrunnen (Architekt
Oswald Bieber, Bildhauer Joseph Wackerle). Die Achse weist südlich zum Mittelbau des
Münchner Justizpalastes und führt nördlich zum im 3. Reich errichteten Oberfinanzpräsidium.
Dieser Finanzverwaltung kam eine Schlüsselfunktion zu bei der Enteignung jüdischer Vermögen
und der Vernichtung jüdischer Existenz.
Nachkriegszeit: Der Schutzverband Bildender Künstler
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs war das „kleine Ausstellungsgebäude“ als dachlose Ruine
Treffpunkt des sogenannten „Schwarzmarktes“. Auf Initiative von Hannes König, Kunstmaler und
Gründer des unabhängigen Schutzverbandes Bildender Künstler (SBK), machten sich seit 1948
Künstlerinnen und Künstler in Selbsthilfe daran, den ehemaligen „Ausstellungstempel“ der NaziZeit in einen Ausstellungsraum für die Münchner Künstlerschaft zu verwandeln. Das Ziel war es
an die große moderne Tradition des Glaspalastes anzuschließen. Zur Finanzierung veranstaltete
Hannes König Kunstlotterien und Spendensammlungen. Im Gegenzug – quasi als Honorar und
als Dank für den Wiederaufbau – erhielt der Schutzverband einen Pachtvertrag zur alleinigen
Nutzung des Gebäudes, der bis heute Bestand hat. Der SBK war bereits 1946, ein Jahr nach der
Befreiung der Stadt durch die amerikanischen Streitkräfte, in München entstanden, damals als
Teil der „Gewerkschaft der geistig und kulturell Schaffenden“. Sie gehörte dem Bayrischen
Gewerkschaftsbund an. Mit der Gründung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) wurde
der SBK Mitglied der bundesweiten Gewerkschaft Kunst.
Später arbeitete der SBK engagiert am Künstlersozialversicherungsgesetz mit. Heute ist die nun
als VBK (Vereinigung bildender Künstlerinnen und Künstler) firmierende Vereinigung Teil der
Fachgruppe Bildende Kunst in der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di im DGB.
Die Bundesrepublik: Künstlergruppe Pavillon
Am 9. September 1950 konnte der aus den Ruinen neu gestaltete lichte Ausstellungsbau
eröffnet werden. Ein Jahr später, die Diskussion um die Gründung der Bundeswehr zeichnete
sich bereits ab, zeigte der Kunstpavillon eine große Antikriegsausstellung. Die „zweite
Ausstellung Künstlergruppe Pavillon“ konnte unter anderem Otto Dix und Otto Pankok
gewinnen.
In den 1950er Jahren – zu einer Zeit, als Faschingsumzüge in München noch fester
Programmpunkt der närrischen Jahreszeit waren – verwandelten sich Gebäude und Vorplatz des
Kunstpavillons in Werkstätten, in den denen die weithin berühmten satirischen Wagen
entstanden. Eine notwendige zusätzliche Einnahmequelle für den Kunstpavillon wie für die mit
den Arbeiten beauftragten Künstlerinnen und Künstler.
Anfang der 1960er Jahre widmete sich der Gründungsvorsitzende Hannes König intensiv der
Einrichtung des Valentin-Karlstadt-Musäums (im Isartor). So war die erste Ausstellung der
Gruppe SPUR 1960/61 für längere Zeit eines der letzten Ereignisse von überregionaler
Bedeutung im Kunstpavillon. Fast alle Mitglieder der Gruppe SPUR hatten sich an der Münchner
Akademie kennen gelernt und bildeten die deutsche Sektion der Situationistischen
Internationale (bis zu ihrem Ausschluss 1962).
Im wiedervereinigten Deutschland: Von der Nabelschau zur Öffnung
n den späten 1980er Jahren definierte ein verjüngter Vorstand um den Vorsitzenden Konrad
Hetz, Maler und Grafiker, die Bestimmung des Kunstpavillon neu: weniger Ausstellungen, an
denen nur Mitglieder teilnehmen durften, mehr Raum für auswärtige und ausländische
Künstlerinnen und Künstler. Ein Beispiel für diesen Aufbruch ist die Themenausstellung von
1993 „Wehret den Anfängen“, die den 60. Jahrestag der „Machtergreifung“ des
Nationalsozialismus zusammen mit der „Fremdenfeindlichkeit“ im wiedervereinigten
Deutschland reflektierte.
Zur Jahrtausendwende formulierten die Künstlerinnen und Künstler, die nun den Trägerverein
Kunstpavillon e.V. bildeten: „Wir wollen einen Kontrapunkt zum etablierten Kunstbetrieb setzen
und mit interdisziplinärer Arbeit Antworten auf aktuelle gesellschaftliche Fragestellungen
suchen“.
21. Jahrhundert: artist-run space
Der Kunstpavillon versteht sich im 21. Jahrhundert als gemeinnütziger artist-run space, der
solidarischen Formen künstlerischer Zusammenarbeit besonders verpflichtet ist.
Seit der Renovierung 2015 verfügt er über eine Ausstellungsfläche von rund 150 qm. Sie
werden für etwa zehn ehrenamtlich organisierte Ausstellungen im Jahr sowie für weitere
öffentliche Veranstaltungen wie Performances, Konzerte und Podiumsdiskussionen genutzt. Auf
Anfrage steht der Kunstpavillon Künstlerinnen und Künstlern auch als temporäres Atelier oder
experimentelle Werkstatt kurzfristig zur Verfügung.
Eine Sommerausstellung ist explizit Kunstkollektiven, kollaborativen Arbeitsweisen oder
kooperativen Prozessen in der bildenden Kunst (Collaborative Works / pratiques complicitaires)
gewidmet. Die Herbstausstellung dient der vertieften Diskussion eines herausragenden
künstlerischen Werkes. Die Ausstellung eröffnet vor dem Münchner Galerien-Wochenende, der
Open Art, Mitte September und schließt erst nach der Langen Nacht der Museen Ende Oktober.
Weitere Ausstellungen, vor allem im Frühjahr, fördern Akademieklassen, junge Künstlerinnen
und Künstler oder dienen der – meist kontroversen – Auseinandersetzung mit neuartigen
Entwicklungen der zeitgenössischen Kunst und ihrer Arbeitsansätze.
Jeweils im August zeigt der Kunstpavillon ausgewählte Arbeiten der Gewinnerinnen und
Gewinner des „Seerosenpreises“. Die Auszeichnung wurde 1962 auf Initiative des damaligen
Oberbürgermeisters Hans-Jochen Vogel und des Malers Hermann Geiseler von der
Landeshauptstadt München gestiftet. Der Preis wird jährlich von einer Jury aus Mitgliedern
Münchner Künstlergruppen an Künstlerinnen und Künstler vergeben, die bereits langjährig tätig
sind und ihren Lebens- und Schaffensmittelpunkt in München haben. Die Verleihung erfolgt im
Kunstpavillon durch die Landeshauptstadt München (siehe auch Seerosenkreis).[[http://
www.seerosenkreis.de/]]
Vor Weihnachten beherbergt der Kunstpavillon die traditionelle Jahresausstellung der
Mitglieder der Vereinigung Bildender Künstlerinnen und Künstler Fachgruppe Bildende Kunst in
der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di (VBK). Jedes Jahr
unterstützt der Kunstpavillon zwei weitere Ausstellungen der VBK, eine Themenausstellung und
eine Ausstellung zur Förderung des beruflichen Nachwuchses.
Kunstpavillon: Ein Raum der Kunst
Was den Kunstpavillon von den Kunsthallen und Galerien unterscheidet ist nicht nur seine
Vielfalt und seine wechselvolle Geschichte. Er wird von Künstlerinnen und Künstlern
verantwortlich geleitet und ehrenamtlich organisiert. Das heißt auch, dass im Kunstpavillon
ästhetische Debatten in ihren gesellschaftlichen Schattierungen, und mögliche Entwicklungen
bildender Kunst sehr früh sichtbar werden können; also bevor die Kunsttheorie sie zu fassen
weiß oder Kuratorinnen und Kunsthändler sie fokussieren und vermitteln können. Ein Beispiel
dafür wären Begriffe aus den frühen Publikationen des Kunstpavillons: „Prozesse aufzeigen“
oder „Produzenten-Pavillon“ und „Forum Pavillon“ oder auch: „zeitkritische Auseinandersetzung“
und „Kunst auf andere Art vermitteln“. Ideen, die selbstverständlich ganz ihrer Zeit verpflichtet
sind, jedoch war der Kunstpavillon Pionier solcher Konzepte und Formate, bevor sie sich später,
zum Teil bis heute, als Standard etablierten, der gar nicht mehr auffällt. In dieser Logik erfinden
die Künstlerinnen und Künstler ihren Kunstpavillon im Alten Botanischen Garten am Stachus
jeweils erneut. Ein Raum der Kunst, gerne auch ihres Konsums wie ihrer Kritik, und immer mit
dem nachhaltigen Anspruch: Die Linie der Kultur weiter zeichnen. Ungewohnt. Frei.
Maxvorstadt: Sophienstraße 7a, 80333 München
Gründer*innen: Hannes König
Jetzige Leitung: Lena Bröcker, Rita Hensen, Katharina Weishäupl
Kurzbeschreibung: Der Kunstpavillon ist ein ehrenamtlich organisierter artist-run space, der zeitgenössischer Kunst und aktuellen künstlerischen Debatten Raum gibt.
Art des Ortes: Artist-run space
Der Artist-run space im Herzen Münchens
Der Platz für zeitgenössische Kunst und ihr aktuelles Schaffen ist hart umkämpft und oft nur vorübergehend gesichert. Umso schöner ist es, dass der Kunstpavillon im Herzen der bayerischen Landeshauptstadt München, in einer der urbansten Grünanlagen der Stadt, Künstlerinnen und Künstlern einen Raum bietet, sich den Herausforderungen der Zukunft zu widmen.
Es war künstlerische Eigeninitiative, die 1950 aus der Kriegsruine einen Ausstellungsraum für den demokratischen Aufbruch in Bayern erschuf. Heute versteht sich der Kunstpavillon als „artist-run space“, der künstlerische Debatten anstößt und neue Erkenntnisse oder ästhetische Verfahren der Bildenden Kunst einem breiten Publikum nahebringt – auch mit Blick auf einen globalen wie intersektionalen Diskurs, aber unabhängig von fortbestehenden Klischees über die Hoch- und die Subkultur. In den Ausstellungen des Kunstpavillons überzeugt das Sinnliche der Kunst.
Im Alten Botanischen Garten am Münchner Stachus ist der Kunstpavillon eine beliebte kulturelle Quelle, ein Ort der Besinnung und der Reflexion. Für viele ist er das südliche Entrée ins Münchner Kunstareal mit seinen Museen, Galerien und Projekträumen.
Geschichte des Kunstpavillons
Vorkriegszeit: Der Glaspalast und das Haus der Deutschen Kunst (heute Haus der Kunst)
Der Münchner Glaspalast im Alten Botanischen Garten am Stachus beherbergte seit seiner
Errichtung 1854 bedeutende internationale Industrie- und Kunstausstellungen. Letztere
begründeten den Ruf Münchens als Stadt der Kunst und Kultur mit. An die herausragenden
Industrieausstellungen erinnert zum Beispiel auf der Westseite des Kunstpavillons der
Gedenkstein an die erste Gleichstromfernübertragung durch Oskar von Miller und Marcel
Depréz. 1931 brannte der Glaspalast vollständig aus, dabei wurden zahlreiche Kunstwerke der
laufenden Ausstellung zerstört. Bereits ein Jahr später lobte das bayerische Kultusministerium
einen Architekturwettbewerb für den Neubau eines geeigneten Ausstellungsgebäudes
ähnlicher Größe aus. Mit der Ernennung des Nationalsozialisten Adolf Hitler zum Reichskanzler
durch Reichspräsident Paul von Hindenburg 1933 wurden die Pläne jedoch zu Gunsten einer
faschistischen Kunstpolitik aufgegeben. Der Architekt Paul Ludwig Troost erhielt den Auftrag,
unter dem Arbeitstitel „Neuer Glaspalast“, das „Haus der Deutschen Kunst“ an dem vom Führer
favorisierten Standort am Südrand des Englischen Gartens zu planen (eingeweiht 1937).
Im Alten Botanischen Gartens entstand in seiner östlichen Hälfte 1936 als Ersatz des
Glaspalastes eine Achse aus einem viertürigen „kleinen Ausstellungsgebäude“ zur Präsentation
nationalsozialistischer Architekturmodelle und dem sogenannten Neptunbrunnen (Architekt
Oswald Bieber, Bildhauer Joseph Wackerle). Die Achse weist südlich zum Mittelbau des
Münchner Justizpalastes und führt nördlich zum im 3. Reich errichteten Oberfinanzpräsidium.
Dieser Finanzverwaltung kam eine Schlüsselfunktion zu bei der Enteignung jüdischer Vermögen
und der Vernichtung jüdischer Existenz.
Nachkriegszeit: Der Schutzverband Bildender Künstler
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs war das „kleine Ausstellungsgebäude“ als dachlose Ruine
Treffpunkt des sogenannten „Schwarzmarktes“. Auf Initiative von Hannes König, Kunstmaler und
Gründer des unabhängigen Schutzverbandes Bildender Künstler (SBK), machten sich seit 1948
Künstlerinnen und Künstler in Selbsthilfe daran, den ehemaligen „Ausstellungstempel“ der NaziZeit in einen Ausstellungsraum für die Münchner Künstlerschaft zu verwandeln. Das Ziel war es
an die große moderne Tradition des Glaspalastes anzuschließen. Zur Finanzierung veranstaltete
Hannes König Kunstlotterien und Spendensammlungen. Im Gegenzug – quasi als Honorar und
als Dank für den Wiederaufbau – erhielt der Schutzverband einen Pachtvertrag zur alleinigen
Nutzung des Gebäudes, der bis heute Bestand hat. Der SBK war bereits 1946, ein Jahr nach der
Befreiung der Stadt durch die amerikanischen Streitkräfte, in München entstanden, damals als
Teil der „Gewerkschaft der geistig und kulturell Schaffenden“. Sie gehörte dem Bayrischen
Gewerkschaftsbund an. Mit der Gründung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) wurde
der SBK Mitglied der bundesweiten Gewerkschaft Kunst.
Später arbeitete der SBK engagiert am Künstlersozialversicherungsgesetz mit. Heute ist die nun
als VBK (Vereinigung bildender Künstlerinnen und Künstler) firmierende Vereinigung Teil der
Fachgruppe Bildende Kunst in der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di im DGB.
Die Bundesrepublik: Künstlergruppe Pavillon
Am 9. September 1950 konnte der aus den Ruinen neu gestaltete lichte Ausstellungsbau
eröffnet werden. Ein Jahr später, die Diskussion um die Gründung der Bundeswehr zeichnete
sich bereits ab, zeigte der Kunstpavillon eine große Antikriegsausstellung. Die „zweite
Ausstellung Künstlergruppe Pavillon“ konnte unter anderem Otto Dix und Otto Pankok
gewinnen.
In den 1950er Jahren – zu einer Zeit, als Faschingsumzüge in München noch fester
Programmpunkt der närrischen Jahreszeit waren – verwandelten sich Gebäude und Vorplatz des
Kunstpavillons in Werkstätten, in den denen die weithin berühmten satirischen Wagen
entstanden. Eine notwendige zusätzliche Einnahmequelle für den Kunstpavillon wie für die mit
den Arbeiten beauftragten Künstlerinnen und Künstler.
Anfang der 1960er Jahre widmete sich der Gründungsvorsitzende Hannes König intensiv der
Einrichtung des Valentin-Karlstadt-Musäums (im Isartor). So war die erste Ausstellung der
Gruppe SPUR 1960/61 für längere Zeit eines der letzten Ereignisse von überregionaler
Bedeutung im Kunstpavillon. Fast alle Mitglieder der Gruppe SPUR hatten sich an der Münchner
Akademie kennen gelernt und bildeten die deutsche Sektion der Situationistischen
Internationale (bis zu ihrem Ausschluss 1962).
Im wiedervereinigten Deutschland: Von der Nabelschau zur Öffnung
n den späten 1980er Jahren definierte ein verjüngter Vorstand um den Vorsitzenden Konrad
Hetz, Maler und Grafiker, die Bestimmung des Kunstpavillon neu: weniger Ausstellungen, an
denen nur Mitglieder teilnehmen durften, mehr Raum für auswärtige und ausländische
Künstlerinnen und Künstler. Ein Beispiel für diesen Aufbruch ist die Themenausstellung von
1993 „Wehret den Anfängen“, die den 60. Jahrestag der „Machtergreifung“ des
Nationalsozialismus zusammen mit der „Fremdenfeindlichkeit“ im wiedervereinigten
Deutschland reflektierte.
Zur Jahrtausendwende formulierten die Künstlerinnen und Künstler, die nun den Trägerverein
Kunstpavillon e.V. bildeten: „Wir wollen einen Kontrapunkt zum etablierten Kunstbetrieb setzen
und mit interdisziplinärer Arbeit Antworten auf aktuelle gesellschaftliche Fragestellungen
suchen“.
21. Jahrhundert: artist-run space
Der Kunstpavillon versteht sich im 21. Jahrhundert als gemeinnütziger artist-run space, der
solidarischen Formen künstlerischer Zusammenarbeit besonders verpflichtet ist.
Seit der Renovierung 2015 verfügt er über eine Ausstellungsfläche von rund 150 qm. Sie
werden für etwa zehn ehrenamtlich organisierte Ausstellungen im Jahr sowie für weitere
öffentliche Veranstaltungen wie Performances, Konzerte und Podiumsdiskussionen genutzt. Auf
Anfrage steht der Kunstpavillon Künstlerinnen und Künstlern auch als temporäres Atelier oder
experimentelle Werkstatt kurzfristig zur Verfügung.
Eine Sommerausstellung ist explizit Kunstkollektiven, kollaborativen Arbeitsweisen oder
kooperativen Prozessen in der bildenden Kunst (Collaborative Works / pratiques complicitaires)
gewidmet. Die Herbstausstellung dient der vertieften Diskussion eines herausragenden
künstlerischen Werkes. Die Ausstellung eröffnet vor dem Münchner Galerien-Wochenende, der
Open Art, Mitte September und schließt erst nach der Langen Nacht der Museen Ende Oktober.
Weitere Ausstellungen, vor allem im Frühjahr, fördern Akademieklassen, junge Künstlerinnen
und Künstler oder dienen der – meist kontroversen – Auseinandersetzung mit neuartigen
Entwicklungen der zeitgenössischen Kunst und ihrer Arbeitsansätze.
Jeweils im August zeigt der Kunstpavillon ausgewählte Arbeiten der Gewinnerinnen und
Gewinner des „Seerosenpreises“. Die Auszeichnung wurde 1962 auf Initiative des damaligen
Oberbürgermeisters Hans-Jochen Vogel und des Malers Hermann Geiseler von der
Landeshauptstadt München gestiftet. Der Preis wird jährlich von einer Jury aus Mitgliedern
Münchner Künstlergruppen an Künstlerinnen und Künstler vergeben, die bereits langjährig tätig
sind und ihren Lebens- und Schaffensmittelpunkt in München haben. Die Verleihung erfolgt im
Kunstpavillon durch die Landeshauptstadt München (siehe auch Seerosenkreis).[[http://
www.seerosenkreis.de/]]
Vor Weihnachten beherbergt der Kunstpavillon die traditionelle Jahresausstellung der
Mitglieder der Vereinigung Bildender Künstlerinnen und Künstler Fachgruppe Bildende Kunst in
der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di (VBK). Jedes Jahr
unterstützt der Kunstpavillon zwei weitere Ausstellungen der VBK, eine Themenausstellung und
eine Ausstellung zur Förderung des beruflichen Nachwuchses.
Kunstpavillon: Ein Raum der Kunst
Was den Kunstpavillon von den Kunsthallen und Galerien unterscheidet ist nicht nur seine
Vielfalt und seine wechselvolle Geschichte. Er wird von Künstlerinnen und Künstlern
verantwortlich geleitet und ehrenamtlich organisiert. Das heißt auch, dass im Kunstpavillon
ästhetische Debatten in ihren gesellschaftlichen Schattierungen, und mögliche Entwicklungen
bildender Kunst sehr früh sichtbar werden können; also bevor die Kunsttheorie sie zu fassen
weiß oder Kuratorinnen und Kunsthändler sie fokussieren und vermitteln können. Ein Beispiel
dafür wären Begriffe aus den frühen Publikationen des Kunstpavillons: „Prozesse aufzeigen“
oder „Produzenten-Pavillon“ und „Forum Pavillon“ oder auch: „zeitkritische Auseinandersetzung“
und „Kunst auf andere Art vermitteln“. Ideen, die selbstverständlich ganz ihrer Zeit verpflichtet
sind, jedoch war der Kunstpavillon Pionier solcher Konzepte und Formate, bevor sie sich später,
zum Teil bis heute, als Standard etablierten, der gar nicht mehr auffällt. In dieser Logik erfinden
die Künstlerinnen und Künstler ihren Kunstpavillon im Alten Botanischen Garten am Stachus
jeweils erneut. Ein Raum der Kunst, gerne auch ihres Konsums wie ihrer Kritik, und immer mit
dem nachhaltigen Anspruch: Die Linie der Kultur weiter zeichnen. Ungewohnt. Frei.
Außenansicht, Kunstpavillon, Foto: ©SebastianKissel lowres